Wendeherbst, freie Wahlen und der aktuelle Zustand der Demokratie Gesprächsrunde mit Zeitzeugen zum Tag der Demokratiegeschichte in Stendal

Als am 18. März 1990 über die Zusammensetzung der Volkskammer der DDR abgestimmt wurde, ging Johannes Beleites mit 22 Jahren zum ersten Mal wählen. Auch sein Vater (57) und sein Bruder (25) traten als Erstwähler an die Urnen. Davor hatten sie den Wahlen in der DDR, die sie nicht anerkannten, stets ihre Stimmen verweigert. Ab 1990 aber wurde keine Abstimmung mehr verpasst. Darüber sprach Johannes Beleites, heute Beauftragter des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, genau 37 Jahre später als Gast einer Podiumsdiskussion in Stendal. Die Veranstaltung fiel nicht zufällig genau auf den 18. März: An diesem Datum wurde 2026 erstmals der bundesweite Tag der Demokratiegeschichte gefeiert.

Die Hansestadt Stendal und die lokalen Demokratiepartnerschaften (koordiniert vom Verein KinderStärken) nahmen den neuen Aktionstag zum Anlass für eine Gesprächsrunde in der städtischen Bibliothek, der eine Stadtführung auf den Spuren der Wendezeit vorausging. Im Podium saßen mit Johannes Beleites auch zwei Zeitzeugen aus Stendal: Petra Drescher, damals aktiv bei den Friedensgebeten und Leiterin der AG Altstadtsanierung des Neuen Forums in Stendal, und Horst Paulus, Ingenieur beim Bau des Kernkraftwerks Arneburg. Neben persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen interessierte sich Moderator Bernd-Volker Brahms dafür, wie seine Gäste den 18. März 1990 empfunden haben.

„Es war eine ganz andere Wahl als sämtliche Wahlen vorher. Man hat sich ganz anders gefühlt, man hatte immer noch diese Aufbruchstimmung von der direkten Wendezeit im Herzen und ist da mit Freuden hinmarschiert“, beschrieb Petra Drescher, die allerdings nicht mit dem schlechten Wahlergebnis für die Bürgerbewegungen gerechnet hatte. Horst Paulus, dessen Lebensweg nach dem Aus für das KKW zu einer neuen Arbeitsstelle nach Wolfsburg führte, bezeichnete die freien Wahlen als eine Errungenschaft. Gefragt, ob er eher optimistisch oder eher pessimistisch auf den aktuellen Zustand unserer Demokratie blicke, tendierte er zum Pessimismus. Eine Frage aus dem Publikum hatte zuvor eine Debatte darüber angestoßen, ob die Demokratie in diesem Jahr einer nicht demokratischen Kraft zur Macht verhelfen könnte. Petra Drescher zeigte sich überwiegend optimistisch: „Wir haben in unserer Geschichte schon erlebt, wie der Faschismus schnell demokratische Regeln aushebeln kann, wir wissen, was passieren kann. Ich denke, wir haben auch ein großes Potenzial an Menschen, die das nicht einfach laufen lassen werden.“ Und der Erstwähler von 1990, Johannes Beleites, ist zu 100 Prozent optimistisch. Er sieht eine funktionierende Demokratie in Deutschland.

Die Veranstaltung zur Wendezeit in Stendal mit dem Bogenschlag ins Heute machte vor allem klar, dass um Demokratie gerungen werden muss. Stendals Oberbürgermeister Bastian Sieler, der sowohl Stadtführung als auch Diskussion interessiert verfolgte, war im Herbst 1989 zwei Jahre alt. Als „Wendekind“ habe er das Privileg gehabt, „in Freiheit und relativem Wohlstand aufzuwachsen“, ohne zu wissen, was für ein Glück das war. „Wir leben in einem System, in dem wir unsere Meinung frei äußern können, in dem wir alle Freiheiten haben, unser Leben so zu gestalten, wie wir es möchten“, sagte der Oberbürgermeister. Häufig wüssten wir aber nicht, „was unsere Vorfahren leisten mussten, damit wir in dieser komfortablen Situation leben können, nämlich, um die Freiheit kämpfen“.

Text und Fotos: Edda Gehrmann