Deutschland feiert Demokratiegeschichte mit einem neuen Aktionstag am 18. März. In der jüngeren Vergangenheit bezieht sich dieses Datum auf die erste freie Volkskammerwahl in der DDR im Jahr 1990. Auch in Stendal wurde auf dem Weg dorthin Demokratiegeschichte geschrieben. Die Stadtverwaltung und die Demokratiepartnerschaften von Stadt und Landkreis (koordiniert vom Verein KinderStärken) nahmen den Tag zum Anlass für einen besonderen Stadtspaziergang.
Stadtführer Arne Marzahn lässt die Ereignisse des Wendeherbstes 1989, die Stimmung der Zeit und den Zustand der Innenstadt anhand von Fotos, Auszügen aus Dokumenten und persönlichen Erlebnissen lebendig werden. Schulfreunde „schleppten“ den damals 17-Jährigen mit zu den Friedensgebeten in die Petrikirche, die ihn seitdem „nie mehr ganz losgelassen hat“. Vom Rathaus aus, wo eine Tafel an Dr. Erika Drees und Hans-Peter Schmidt als Initiatoren des Neuen Forums in Stendal erinnert, führt er seine Gruppe zum kleinsten Gotteshaus der Stadt. Auf dem Weg durch die Hohe Bude und den Hoock mit seinen bunten, sanierten Fachwerkhäusern erinnert Marzahn an Aktionen des Neuen Forums zur Rettung der Altstadt. Welchen traurigen Anblick die Straßenzüge Ende der 1980er-Jahre boten, veranschaulicht er mit einer Anekdote aus seiner Jugend: Seine Mutter, Kinderärztin von Beruf, verbot ihm, mit dem Fahrrad durch den Hoock zu fahren, damit ihm keine Dachziegel auf den Kopf fallen oder er „in irgendeinem Loch verschwinden“ würde.
Angekommen bei St. Petri, wo sich damals der Protest in Stendal formierte, ließ der Stadtführer Kopien einer historischen Einladung zum Friedensgebet „an jedem dritten Donnerstag im Monat“ von Hand zu Hand gehen – fast wie im Herbst 1989. Dass sich in der Kirche auch immer Beobachter vom Staatsicherheitsdienst befanden, war den Versammelten klar. Arne Marzahn weiß noch, wie ein Mann neben ihm merklich zusammenzuckte, als auch die Herren begrüßt wurden, „die dienstlich da sind“. Brenzliger wurde es für ihn eines Abends allein auf dem Heimweg von der Kirche über den Wall in Richtung Uenglinger Tor. Plötzlich leuchteten ihn zwei Männer mit einer sehr hellen Taschenlampe an und drohten damit, dass sein Verhalten Konsequenzen haben würde. „Ich habe nie wieder so butterweiche Knie gehabt“, gesteht Arne Marzahn 37 Jahre später. Einschüchtern ließen sich die Menschen jedoch nicht mehr – Ende Oktober 1989 konnte die Petrikirche die Massen nicht mehr aufnehmen und das Friedensgebet zog kurz vor dem Mauerfall um in den Dom.
Konsequenzen hatte es für Arne Marzahn dann tatsächlich, als er den Gründungsaufruf des Neuen Forums auf dem Schulhof der Winckelmann-Schule (damals noch in der Stadtseeallee) verteilte. Erika Drees hatte eine Kiste mit den Aufrufen aus Berlin mitgebracht, wo sie zu den Erstunterzeichnern gehörte. Der Schüler bekam ein Exemplar und tippte es auf seiner Schreibmaschine Marke „Erika“ mit vielen Fehlern ab. Beim Verteilen wurde der Elftklässler erwischt und umgehend der Schule verwiesen. Was er wohl ohne die Wende für eine Zukunft gehabt hätte?
Aber die Zeiten änderten sich unaufhaltsam. Mit Blick auf das ehemalige „Amt für Nationale Sicherheit“ in der heutigen Moltkestraße 33 (damals Thälmannstraße) erzählt Arne Marzahn vom 5. Dezember 1989, als er inmitten einer aufgebrachten Menge von ca. 2000 Menschen vor der „Stasi-Zentrale“ stand. In Windeseile hatte sich herumgesprochen, dass dort eine kleine Gruppe die weitere Vernichtung von Akten verhindern wollte. Die Stimmung war so aufgeheizt, dass die Stasi-Mitarbeiter nur noch mit Hilfe der Volkspolizei hinausgebracht werden konnten. Zu diesem Zeitpunkt war die Mauer schon einen Monat offen. Drei Monate später, am 18. März 1990, konnten die DDR-Bürger zum ersten Mal frei wählen.
Die Volkskammer-Wahlen 1990, persönliche Erfahrungen in der Wendezeit, Hoffnungen und Enttäuschungen waren nach der Stadtführung auch Themen einer Podiumsdiskussion in der Stadtbibliothek.
Text und Fotos: Edda Gehrmann
